Im Jahre 1935 ließ das Nazi-Regime in Erding den Fliegerhorst errichten. Der neue Militärflughafen war Teil eines gigantischen Aufrüstungsprogramms und der Vorbereitung auf den vier Jahre später von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieg. Nach 1945 wurde der Fliegerhorst weiter militärisch genutzt: Zunächst von der US-Air-Force und ab Gründung der Bundeswehr im Jahre 1955 von dieser als Flughafen sowie als Instandsetzungs- und Versorgungszentrum.

Seit 1990 ging die militärische Nutzung des Fliegerhorsts jedoch stark zurück und 2011 kündigte die Bundeswehr ihren völligen Abzug bis Ende 2024 und die Übergabe des gesamten Geländes an die Stadt Erding an (1). Im Erdinger Rathaus begannen daraufhin die Planungen für einen neuen Stadtteil im Nordosten, die mit einem städteplanerischen Wettbewerb 2021 ihr vorläufiges Ergebnis fanden: Ein neuer Bahnhof, dahinter weitläufige Wohnbebauung mit Gewerbe- und Freizeiteinheiten, alles gut gemischt und ziemlich grün. (2)
Doch im Zuge der von Scholz 2022 ausgerufenen ‚Zeitenwende‘ und der seitdem galoppierenden Militarisierung wurde die Konversion widerrufen und eine weitere militärische Nutzung des Fliegerhorsts beschlossen. In enger Kooperation von Bundesverteidigungsministerium, Land Bayern, Stadt Erding, TU München sowie weiteren Institutionen und Unternehmen soll Erding nun sogar zum „Knotenpunkt des bayerischen Defense-Ökosystems“ werden.

Dass in München und Bayern immer schon große Waffenschmieden beheimatet waren, ist bekannt. Aktuell möchte die CSU-FW-Regierung den Freistaat aber dauerhaft zur europaweit führenden Region in Sachen militärischer Forschung und neuen Kriegstechnologien machen. Ihre beharrliche kapital- und militärfreundliche Politik hat bereits dazu geführt, dass im Großraum München neben zahlreichen Bundeswehreinrichtungen und traditionellen Rüstungsbetrieben mittlerweile auch viele Start-Ups und Projekte ansiedelten, die sich hier beste Betreuung und Unterstützung von der Politik und damit gute Profite versprechen.

Das als ‚Defense Lab Erding‘ (DLE) betitelte Projekt soll dazu Wesentliches leisten: Als ‚Kreativlabor‘ soll es Tüftlern und Forschenden sowohl technisch wie finanziell alles bieten, um möglichst rasch und insbesondere im Bereich autonomer Waffensysteme  und KI Ergebnisse zu liefern. Dazu sollen zivile Tech-Entwicklungen und -Kompetenzen auf ihre etwaigen militärischen Nutzen abgeprüft und ggf. dafür eingebunden werden. Es gilt offenbar, möglichst wenig einengende Vorgaben zu machen, um kein Potenzial ungenutzt zu lassen, das Deutschland auf seinem Weg zur konventionell stärksten Armee in Europa nützlich sein könnte. Im DLE soll das Zusammenspiel von unternehmerischer Dynamik, wissenschaftlicher Forschung und militärischer Strategie Innovationen generieren, die den Geldgebern Profite und dem Staat eine baldige Kriegsfähigkeit bescheren.

Defense-Ökosystem?

 Wer eine derartige Verflechtung militärischer und wirtschaftlicher Interessen vorantreibt und sie der Öffentlichkeit als sinnvolle Entwicklung verkaufen will, der mag das Ganze heuchlerisch ein „Defense-Ökosystem“ nennen. Wer aber um das Verhängnis einer solchen Machtzusammenballung weiß, der nennt es zutreffender, wie 1961 der us-amerikanische Präsident Eisenhower, einen gefährlichen „militärisch-industriellen Komplex“ (MIK). In seiner Abschiedsrede hatte er damals davor gewarnt, der MIK in den USA würde, eigenen Macht- und Profitinteressen folgend, zunehmend militärische ‚Konfliktlösungen‘ initiieren und dabei die repräsentativ-demokratische Verfasstheit der USA unterminieren.
Heute, 65 Jahre und viele Überfälle, Bombardierungen und Kriege der USA später, wissen wir, wie sehr diese Sorge berechtigt war.

„ ... für das Gefechtsfeld von morgen“

Das DLE startet erstmal auf einer 22 Hektar großen Teilfläche des Fliegerhorsts (Gesamtfläche etwa 442 Hektar), die der Stadt Erding übertragen wird. Im Februar 2026 gings dort bereits los mit der Eröffnung eines Innovationszentrums der Bundeswehr (InnoZBw) und im Mai folgte das Drohnenkompetenz- und Abwehrzentrum (DKAZ) der bayerischen Polizei. Zentrale Stelle für den weiteren Aufbau des DLE ist das TechHUB SVI, das koordiniert von Bayern innovativ nach Partnern aus Wirtschaft, Forschung und Militär sucht. Für 16. September lädt es z.B. in den Fliegerhorst zu einer geschlossenen Veranstaltung mit dem Titel „Defence TechDay 2026: Technologische Dominanz im Einsatz“. Im Einladungstext heisst es: „Erleben Sie vernetzte Technologien für das Gefechtsfeld von morgen live am Fliegerhorst Erding. Wir zeigen Innovationen für die Bundeswehr jenseits von PowerPoint – praxisnah, systemisch und einsatzbereit. Sichern Sie sich Ihren Platz im nationalen Verteidigungs-Ökosystem und gestalten Sie aktiv die technologische Souveränität Deutschlands.... der Defence TechDay International Day [rückt] die technologische Substanz in den Mittelpunkt. Es geht um die Beantwortung der Frage, wie disruptive Innovationen die Überlegenheit in zukünftigen Szenarien sicherstellen.“ (3)

Der Einladungstext lässt erkennen, welche tatsächlichen Ambitionen hinter so schönfärberischen Worten wie ‚Verteidigung‘ und ‚Ökosystem‘ lauern: Deutschland strebt rasche technologische Dominanz und militärische Überlegenheit an, um künftige Kriege zu gewinnen. Wer das Ende eines solchen Krieges dann überhaupt noch erlebt, ist wohl kein Thema auf dem Defence TechDay. Die Bevölkerung von Erding und Umgebung muss jedenfalls befürchten, nicht dazuzugehören. Denn wie die jüngsten Kriege in der Ukraine/Russland und Iran zeigen, sind Anwohner:innen von Primärzielen, wie es das DLE wohl eines wäre, einem extrem hohen Risiko ausgesetzt.

Lesetipp: Der neue KI-Rüstungs-Komplex

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Fliegerhorst_Erding
(2) https://www.erding.de/konversion
(3) https://www.bayern-innovativ.de/events-termine/sicherheit/detail/defence-techday-2026-technologische-dominanz-im-einsatz/- abgerufen am 28.6.26

Termine

6.07.26 | 19:30
| Arbeitstreffen

AGI Arbeitstreffen
Dorfen, GIKS
9.07.26 | 19:00
| Veranstaltung

Zeitenwende in Bildung, Hochschulen und Forschung
Landshut, Rieblwirt
20.07.26 | 19:30
| Arbeitstreffen

AGI Arbeitstreffen
Dorfen, GIKS

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Johann Heinrich Pestalozzi